Mut bewegt die Welt

Ist Mut der Anfang von allem? Kann nur der die Welt verändern, der mutig ist? Zeit, aktiv zu werden.

Datum:

23.07.2019

Lesezeit:

5 min

Text:

Daniel Wiechmann für eeMobility

Foto:

Unsplash.com
  • Warum ist Mut wichtig für Veränderungen
  • Wie können wir aus der Vergangenheit lernen?

Wie entsteht eigentlich das Neue? Durch Zufall? Durch eine kreative Eingebung? Durch analytisches Denken und Planen? Durch strategisches Handeln? Durch die richtigen Entscheidungen, die nach einem stundenlangen Firmen-Meeting getroffen werden? Nein. Das Neue entsteht durch Mut.

Sie wussten es nicht

Als die großen Seefahrer des Mittelalters vor mehr als 700 Jahren auf den Horizont blickten, wussten sie nicht, was sie dort erwarten würde. Gab es hinter dieser in der Ferne so seltsam schimmernden Linie überhaupt noch etwas? Würden sie dort den Himmel oder die Hölle entdecken? Oder hörte die ihnen bekannte Welt dort einfach auf zu existieren? Sie wussten es nicht. Niemand wusste es. Und dennoch machte sich damals eine Handvoll Menschen auf den Weg, um es herauszufinden. Und als diese Menschen wieder nach Hause kamen, hatten sie die Welt verändert. Sie hatten durch ihren Mut den Horizont der Menschheit erweitert.

Müssen wir unsere Art zu leben ändern?

Auch in den kommenden Generationen wird der Mut die wohl wichtigste Säule unserer Gesellschaft sein. Warum? Wir erleben gerade, wie zwei unumkehrbare Entwicklungen, die Digitalisierung und die Urbanisierung, für eine fundamentale Veränderung unserer Welt sorgen. Der technologische und wissenschaftliche Fortschritt, der durch die Digitalisierung erreicht wird, ist so rasant, dass er von einem einzelnem Individuum weder vollständig durchdrungen noch erfasst werden kann. Gleichzeitig wird uns im Zuge der weltweiten Urbanisierung bewusst, dass wir die Art, wie wir leben, radikal ändern müssen. Erstmals in der Geschichte der Menschheit leben mehr Menschen in Städten als auf dem Land. Und es werden immer mehr. Das wird zunehmend zu einem Problem.

Neue Ideen für Verkehrskonzepte

Weltweit sind Städte derzeit für 80 Prozent der CO2-Emmissionen verantwortlich und verbrauchen 75 Prozent der erzeugten Energie. Würden alle Menschen so leben, wie die Menschen in den entwickelten Industrienationen, also wie diejenigen, die bereits jetzt in großer Mehrheit in Städten leben, bräuchten wir bis zu fünf Erden. Wenn es uns daher nicht gelingt, das Leben in unseren Städten nachhaltiger und ressourcenschonender zu organisieren, werden unsere Städte über kurz oder lang an ihrem Erfolg ersticken. Wir brauchen neue Ideen für Verkehrs- und Energiekonzepte ebenso wie für die Organisation von Wohn- und Arbeitswelten – Für uns und überall auf der Welt.

Das Unbekannte am Ende des Horizonts

Die Digitalisierung und die Urbanisierung sorgen dafür, dass wir heute in einer Welt leben, die sich nicht nur immer schneller verändert, sondern die wir auch noch selbst verändern müssen, um zukunftsfähig zu bleiben. Das Ergebnis dieser Entwicklung ist eine Welt, in der wir von lauter unbekannten Dingen förmlich umzingelt sind. Die Räume, in denen wir uns vollständig auskennen und in denen wir uns sicher fühlen, werden immer kleiner. Das sorgt für Angst und Stress. Lag das Unbekannte vor 700 Jahren noch weit weit weg hinter dem Ende des Horizonts, begegnet es uns heute tagtäglich in unserer unmittelbarer Nachbarschaft oder wir nehmen es durch die globale Echtzeitkommunikation, die das Internet ermöglicht, wahr. Durch unsere Smartphones prasselt in jeder Minute, in der wir es zulassen, eine Welt auf uns ein, die so komplex ist, dass man manchmal das Gefühl hat, vor lauter Informationen verrückt zu werden. Längst werden daher Stimmen laut, die eine digitale Enthaltsamkeit und ein Zurück zu alten Tugenden und Werten propagieren. Doch ist ein Zurück, ein Festhalten am Altbewährten wirklich die Lösung für unsere gegenwärtigen Probleme?

Aus der Vergangenheit lernen

Wer die Zukunft meisten will, muss aus der Vergangenheit lernen. Und wer dies tut, der kann sehen, dass wir bei weitem nicht die erste Generation sind, die vor enormen Herausforderungen stand. Wirft man zum Beispiel einen Blick auf die letzte große Weltveränderung, die Industrielle Revolution, entdeckt man Erstaunliches. In Berlin beispielsweise verdoppelte sich zwischen 1890 und 1900 die Bevölkerung von 800.000 auf 2 Millionen Menschen. In den Städten der deutschen Kohleregionen wie zum Beispiel Gelsenkirchen verzehnfachte sie sich sogar. Wie ist das möglich gewesen? Und warum gelingt uns ein solcher Kraftakt nicht auch heute, um unsere Städte, die erneut unter der Wohnungsnot ächzen, wieder lebenswerter zu machen? Die Antwort auf diese Frage ist einfach: Wir sind (noch) nicht mutig genug und wir scheuen die Unannehmlichkeiten, die damit verbunden sind.

Ohne Angst kein Mut

Schaut man auf die großen Entdeckungen und Entwicklungen in unserer Geschichte, egal ob in der Wissenschaft und Technik oder in der Philosophie und Politik, dann haben sie immer mit Menschen zu tun, die mutig genug waren. Die sich trauten, Dinge anders zu denken und anders zu machen. Mit Menschen, die bereit waren Risiken einzugehen. Buzz Aldrin, Astronaut der legendären Apollo-11-Mission, die als erste auf dem Mond landete, wurde einmal gefragt, woher er und die Crew damals eigentlich ihren Mut genommen hätten. Aldrin antwortete nur schelmisch: „Vielleicht begreift man manchmal einfach zu spät, dass man besser Angst gehabt hätte.“ Wer den Mut verstehen will, kommt nicht umhin, über die Angst zu reden. Ohne Angst kein Mut. Wer nichts fürchtet, wer nichts zu verlieren hat, der ist auch nicht mutig in seinem Tun, sondern nur verzweifelt.

„Das Geheimnis der Freiheit aber ist der Mut“

Ein Leben in Angst macht unfrei

Dabei sollten man die Angst jedoch nicht verteufeln. Sie ist ein uralter Schutzmechanismus, der uns vor dem Leichtsinn bewahrt. Es ist ganz normal ängstlich zu sein und das Unbekannte erst einmal zu fürchten. Wer einen Pilz im Wald findet, und diesen dennoch isst, obwohl er ihn nicht kennt, der ist nicht etwa mutig, sondern dumm. Doch die Angst beschützt uns nicht nur, sie engt uns eben auch ein. Sie beschränkt uns in unserem Handeln und in unserer Freiheit. Dieser Verlust an Freiheit schmerzt. Ein Leben in Angst, also in Unfreiheit, geht einher mit einem permanenten Unbehagen. Und an genau dieser Stelle kommt wieder der Mut ins Spiel. Schon vor 2000 Jahren schrieb der griechische Historiker und Stratege Thukydides sehr treffend: „Das Geheimnis des Glücks ist die Freiheit, das Geheimnis der Freiheit aber ist der Mut.“ Wir Menschen können nur dann wirklich frei sein, wenn wir mutig sind. Wenn wir aus dem Gefängnis der Angst ausbrechen und uns in die neue unbekannte Welt außerhalb wagen.

Mut beginnt immer mit der Fantasie

Dass wir uns dennoch so schwer damit tun, hat einen einfachen Grund: Mut macht erst einmal überhaupt keinen Spaß. Im Gegenteil, er bedeutet Entbehrung, Zweifel, Unsicherheit. Mut allein garantiert schließlich keinen Erfolg. Egal wie mutig wir sind, das Scheitern ist trotz einer mutigen Entscheidung immer möglich. Wer sich traut eine eigene Firma zu gründen, durchlebt anfangs harte Zeiten der Ungewissheit. Stolz macht uns der Mut immer erst dann, wenn wir unsere zuvor gesteckten Ziele erreicht haben. Die Motivation mutig zu sein, speist sich schließlich immer aus einem Ziel. Mut beginnt immer mit der Fantasie und der Vorstellung davon, dass unsere Welt morgen ganz anders, viel besser und schöner aussehen kann. Das Unbekannte, das Neue ist ja nicht nur eine Bedrohung, sondern immer auch eine Chance.

Neues als Chance begreifen

Eine solche Chance steckt auch in unserer neuen angsteinflößenden Welt, die niemand mehr im Ganzen versteht und in der wir uns dennoch irgendwie zurechtfinden müssen. Vielleicht begreifen wir durch sie endlich, wie sehr wir Menschen aufeinander angewiesen sind, und dass wir gemeinsam sehr viel mehr erreichen können als allein. Vielleicht erlernen wir in dieser hochkomplexen Welt sogar ein neues Miteinander. Anzeichen dafür gibt es bereits. Schon jetzt sind wir bereit, viel mehr Dinge als früher zu teilen, ob das nun Autos, Ferienwohnungen oder Büros in Form von Coworking-Spaces sind …

Also, warum lassen Sie uns unsere Probleme nicht gemeinsam lösen? Und die unbekannte Welt da draußen besser machen.